100 Tage im Amt – Interview mit Jörg Bohrmann

Seit Juli ist Jörg Bohrmann Sportlicher Leiter der JSG Handball Köln – und steht nebenbei selbst als Trainer der U17 in der Halle. Nach hundert Tagen im Amt haben wir uns mit ihm zusammengesetzt: über seine ersten Eindrücke, den „Kölschen Weg”, die Frage, was Nachwuchsarbeit in Köln besonders macht, und über den AOK-Cup, der Mitte Oktober große Namen des deutschen Handballs in die Stadt bringt.

1. Jörg, 100 Tage sind rum. Wie fällt dein Fazit bisher aus?

Positiv – und ehrlich gesagt intensiver, als ich es erwartet hatte. In den ersten Wochen habe ich vor allem ganz viel zugehört, sowohl unseren Trainern und Spielern als auch den Eltern. Dabei habe ich einen Verein kennengelernt, in dem unglaublich viel Engagement steckt.

Meine Aufgabe sehe ich weniger darin, alles neu zu erfinden, als dieses Engagement in eine gemeinsame Richtung zu lenken. Mit einem einheitlichen Trainingskonzept von der U14 bis zur U19 und klaren Zuständigkeiten schaffen wir gerade die Grundlagen dafür. Fertig sind wir noch lange nicht, aber die Richtung stimmt.

2. Die JSG ist kein Verein wie jeder andere – das ist dir sicher schnell aufgefallen. Was läuft hier anders als anderswo?

Bei der JSG dreht sich alles um die Ausbildung. Es gibt keine erste Mannschaft, der sich der Nachwuchs unterordnen muss – der Nachwuchs ist unser Kerngeschäft. Das verändert die Perspektive. Wir fragen nicht zuerst, was die Mannschaft am Wochenende braucht, sondern was der einzelne Spieler jetzt braucht, um in zwei bis drei Jahren sein bestmögliches Potenzial abzurufen.

Dazu kommt, dass mit dem 1. FC Köln, dem MTV Köln und dem Longericher SC drei Stammvereine ihre Kräfte bündeln. Das verlangt Abstimmung, schafft aber auch Möglichkeiten, die ein einzelner Verein in Köln so nicht hätte.

Mit dem „Kölschen Weg” haben wir ein klares Leitbild: Die Persönlichkeit steht vor dem System, Schule und Ausbildung gehören selbstverständlich dazu und kein Talent soll an den finanziellen Möglichkeiten seiner Familie scheitern. Dafür engagiert sich auch unser Förderverein.

3. Du bist nicht nur Sportlicher Leiter, sondern stehst auch bei der U17 selbst in der Halle. Was zeichnet den Trainer Jörg Bohrmann aus?

Die Begeisterung am Sport – Jugendliche wachsen und über sich hinauswachsen zu sehen. Das motiviert mich jeden Tag aufs Neue. Was mir wichtig ist, sind Klarheit und Ehrlichkeit. Die Jungs sollen jederzeit wissen, woran sie sind und woran sie arbeiten müssen. Ich fordere viel, erkläre aber auch viel. Ein Spieler, der versteht, warum er etwas tut, setzt es besser um als einer, der einfach nur Ansagen befolgt.

4. Köln hat – noch – keinen Bundesliga-Handball bei den Erwachsenen. Was bedeutet das für einen 17-Jährigen, der bei uns ganz nach oben will?

Zunächst einmal kann er bei uns auf höchstem Niveau ausgebildet werden und in der Jugend-Bundesliga gegen die Besten seines Jahrgangs spielen. Und das in seiner Heimat ohne Internat: Unsere Jungs wohnen zu Hause, gehen hier zur Schule und bleiben in ihrem gewohnten Umfeld.

Der Weg endet außerdem nicht mit der Jugend. Mit dem Longericher SC spielt einer unserer Stammvereine in der 3. Liga. Ein Spieler kann also auch in Köln den nächsten Schritt in den leistungsorientierten Erwachsenenhandball machen.

Richtig ist aber auch, dass der Sprung in die Bundesliga aktuell über einen anderen Standort führen kann. Das verschweigen wir keinem Spieler. Unser Anspruch ist, ihn so gut auszubilden – handballerisch, athletisch und persönlich –, dass er bereit ist, diesen Schritt zu gehen.

Das „noch” in deiner Frage gefällt mir übrigens sehr gut.

5. Was ist der häufigste Irrtum über Nachwuchsleistungssport, der dir begegnet?

Zu denken, dass „mehr“ automatisch besser ist: mehr Einheiten, mehr Spiele, mehr Druck. Unser Leitgedanke lautet ganz bewusst: nicht mehr Training um jeden Preis, sondern besseres Training.

Jugendliche brauchen freie Tage, eine gezielte Belastungssteuerung und Zeit für Schule, Freunde und Familie. Das bedeutet weniger Verletzungsanfälligkeit und mehr Raum für Persönlichkeitsentwicklung. Bei allem soll der Spaß am Sport im Fokus stehen.

Der zweite Irrtum ist, dass Ergebnisse in der U15 bereits etwas darüber aussagen, wer später oben ankommt. Entwicklung verläuft nicht linear. Wer mit 14 Jahren der Beste ist, muss es mit 19 Jahren nicht mehr sein – und umgekehrt. Unsere Aufgabe ist es, jedem Spieler die Zeit und die Voraussetzungen zu geben, die er für seine Entwicklung braucht.

6. Wo steht die JSG in drei Jahren aus deiner Sicht?

Ich wünsche mir, dass man eine JSG-Mannschaft sofort erkennt, egal ob die U14 oder die U19 auf dem Feld steht – an der Art, wie wir spielen, auftreten und miteinander umgehen. Spieler aus dem eigenen Unterbau sollten unsere Leistungsmannschaften prägen, weil die Durchlässigkeit zwischen den Jahrgängen funktioniert. Außerdem möchte ich erleben, dass die ersten Jungs aus unseren Reihen den Sprung in den leistungsorientierten Erwachsenenhandball geschafft haben.

Wenn ich einen Wunsch frei hätte, würde ich mir darüber hinaus ein eigenes Trainingscenter für die JSG wünschen. Einen Ort, an dem nicht nur alle Mannschaften trainieren, sondern an dem Gemeinschaft entsteht. Die Kinder und Jugendlichen könnten nach der Schule dorthin kommen, gemeinsam essen, ihre Hausaufgaben machen und anschließend Zeit miteinander verbringen – sich austauschen, entspannen und einfach zusammen sein.

7. Am 17. und 18. Oktober steht der AOK-Cup an, mit Teams aus ganz Deutschland zu Gast in Köln. Wie läuft die Vorbereitung, welchen Stellenwert hat das Turnier für die Kölner Jungs, und wie groß ist die Vorfreude?

Die Vorfreude ist riesig – bei den Spielern genauso wie im gesamten Verein. Hinter den Kulissen wird seit Wochen viel organisiert, und das meiste davon leisten Ehrenamtliche. Ihnen möchte ich an dieser Stelle ausdrücklich danken.

Sportlich ist das Turnier für uns eine echte Standortbestimmung. Mit dem THW Kiel, den Rhein-Neckar Löwen, den Füchsen Berlin und dem SC Magdeburg kommen große Namen des deutschen Handballs nach Köln. Gegen solche Nachwuchsmannschaften zu spielen, ist für unsere Jungs etwas Besonderes – erst recht in der eigenen Stadt, vor Familie und Freunden.

Und für uns als JSG ist der AOK-Cup eine tolle Gelegenheit zu zeigen, dass Köln ein Handballstandort ist, an dem ambitionierte Nachwuchsarbeit mit viel Herz stattfindet.

8. Zum Schluss: ein Satz, der über deinen ersten hundert Tagen stehen könnte.

Ich durfte in diesen hundert Tagen den „Kölschen Weg” kennenlernen – einen ganz anderen Ansatz als den, den ich aus den Leistungszentren kannte. Und ich bin froh, dass ich ihn mitgehen darf. Hier erkenne ich mich wieder. Einfach machen – statt Reden, dabei authentisch bleiben und das alles mit Herz und Leidenschaft.